LANDSCHAFT – MENSCH – NATUR
Hochwasseraktionsplan Bode,
Teilplan Selke
Edmund Werner, Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft
Sachsen-Anhalt
Vorträge Teil 2 – gehalten auf der
Selketalkonferenz am 31. Aug. 2002 in Meisdorf
Wie bereits in der Oktoberausgabe „Der Harz“ angekündigt, werden wir einen
weiteren interessanten Vortrag der Selketalkonferenz in gekürzter Fassung
veröffentlichen. Es handelt sich hierbei um die Erläuterungen zum
Hochwasseraktionsplan Bode, Teilplan Selke, durch den Landesbetrieb für
Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft Sachsen-Anhalt (LHW). Der Vortrag bot
zahlreich Anlass die einzelnen Varianten des künftigen Hochwasserschutzes zu
diskutieren, immer im Bewusstsein der vorangehenden Beiträge, die den Wert des
Selketals deutlich zum Ausdruck brachten.
Hochwasseraktionsplan Bode, Teilplan Selke
Herr Edmund Werner
Die Selke weist bei einer Wasserlauflänge von 64,4 km ein Einzugsgebiet von 468
km2 auf.
Der Oberlauf umfasst die Selke vom Teichauslauf bei Güntersberge bis zum Pegel
Meisdorf. Dieser Laufabschnitt kann außerhalb der Ortschaften als naturnah
bewertet werden. Er weist hier ausgeprägte Strukturen und eine erhaltenswerte
ökologische Vielfalt auf. Die Durchgängigkeit für die aquatischen Lebewesen ist
durch einige Querbauwerke beeinträchtigt. Innerhalb der Ortschaften ist die
Selke streckenweise ausgebaut.
Der Selkeunterlauf zwischen Meisdorf und der Mündung in die Bode weist deutlich
Beeinträchtigungen des Flusses durch Ausbaumaßnahmen auf. Ab Reinstedt wurde die
Laufentwicklung eingeschränkt, d.h. der Flusslauf wurde begradigt und eingetieft.
Die ökologische Durchgängigkeit ist durch zahlreiche Wehre verhindert. Mit dem
Eintritt in das Harzvorland unterhalb von Meisdorf weitet sich die Talaue stark
auf; sie ist zwischen Gatersleben und der Mündung in die Bode etwa 1km breit.
Der Selkeoberlauf bis Pegel Meisdorf ist primär durch die Prozesse der
Hochwasserbildung auf den Landflächen geprägt. Der Wellenabflachungsprozess ist
hier kaum von Bedeutung, da nur geringe Retentionsräume vorhanden sind.
Im Selkeunterlauf unterhalb Meisdorf überwiegen die Prozesse der
Wellenabflachung. Durch den Austritt der Selke aus dem engen Tal im Harz in die
flachwellige Landschaft des Harzvorlandes können große Retentionsräume in der
Aue bei Hochwasser geflutet werden.
Hochwasserentstehung
Seit Dezember 1993, außer Februar 1994 wurden an nahezu allen
Niederschlagsmessstationen im Harz extrem hohe Niederschlagssummen gemessen. An
einigen Stationen wurden Überschreitungen der monatlichen Normal- oder
Monatsmittelwerte bis 400 % festgestellt.
Allein im Einzugsgebiet der Talsperren fielen vom Dezember 1993 bis April 1994
etwa 230 Mio.m3 Regen, das ist mehr als der zweifache Inhalt aller
Harztalsperren im Ostharz und entspricht dem 13-fachen der freizuhaltenden
Hochwasserschutzräume im Talsperrensystem.
Bis zum Pegel Meisdorf fielen vom Dezember 1993 bis April 1994 414 mm
Niederschlag, bezogen auf die Station Harzgerode, das sind 76 Mio.m3 Regen, von
denen etwa ein Drittel allein in der Zeit vom 09. bis 14.04.1994 fielen.
Vergleichen wir diese Mengen mit der Speicherkapazität der Harzteiche mit nur
1,8 Mio.m3 Inhalt, so sind allein in der Zeit vom 09. bis 14.04.1994 etwa 13 mal
soviel Regen gefallen, wie Speicherkapazität zur Verfügung steht.
Hochwasserablauf
Das Wasser strömt ab Güntersberge über die gesamten Auenbereiche und verursacht
enorme Schäden an Gebäuden und Verkehrseinrichtungen. Schwerwiegend waren die
Auswirkungen in Straßberg und nachfolgend in Silberhütte. Nicht nur die Bebauung
im Hochwasserabflussprofil der Selke, sondern auch die zusätzliche Einengung des
eigentlichen Flussbettes durch den Eisenbahnbau in der jüngeren Zeit führten zu
einer Verschärfung der Hochwassersituation.
In Alexisbad wurden Bahndämme, Straßen und Brücken beschädigt oder zerstört, so
dass in diesem Bereich besonders hohe Schäden festgestellt werden mussten. Der
Ort war während des Hochwassers von der Außenwelt abgeschnitten und durch die
Schäden an Straßen, Bahnen und Brücken mehrere Monate für öffentlichen Verkehr
nicht passierbar. Das Selketal hat eine Länge von ca. 10 km und eine
durchschnittliche Breite von ca. 400 m, in dem das Hochwasser sich ungehindert
ausbreiten und dem Scheitel etwa an Wucht nehmen konnte. Die Wassermassen
durchströmten ab Meisdorf weiter die Aue in Richtung Reinstedt, überfluteten den
Bahndamm und unterspülten die Gleise der Eisenbahnlinie Frose - Ballenstedt.
Neben den Wassermassen verursachte insbesondere das mitgeführte Holz von
überschwemmten Stapelplätzen umfangreiche Schäden.
Schäden
Sehr hohe Schäden in Industrie- und Gewerbebetrieben, Hotels, Gaststätten sowie
Einrichtungen des Handels waren in Silberhütte, Alexisbad und Strassberg zu
verzeichnen.
In Gatersleben hingegen lag der Schadenschwerpunkt im kommunalen Bereich.
Niederschlags-Abfluss-Modellierung
Für die Simulation von Hochwasserszenarien unter dem Einfluss verschiedener
Hochwasserschutzmaßnahmen wurde das an der Universität Karlsruhe entwickelte
Programm verwendet.
Mit diesem Modell wurden nachstehende Varianten gerechnet, so dass an Hand der
Ergebnisse Entscheidungsgrundlagen geschaffen wurden.
Zusammenfassung der Ergebnisse der Variantenuntersuchung zur Verbesserung des
Hochwasserschutzes an der Selke.
Variante I:
Status quo, kein dezentraler Hochwasserrückhalt durch Ausbau/Neubau von
Teichen (bei HQ50 und HQ100) erfolgt in den vorhandenen Teichen keine
Nutzungsänderung, es werden aber (soweit vorhanden) die für den Hochwasserschutz
vorgesehenen Speicherlamellen zum Ansatz gebracht; beim HQ(4/1994) wird von
einer vollständigen Füllung der Hochwasserschutzräume zu Ereignisbeginn
ausgegangen, kein Hochwasserrückhaltebecken in Meisdorf; als Untervariante wurde
die Eindeichung im Unterlauf zum Ansatz gebracht.
Variante II:
dezentraler Hochwasserrückhalt durch Ausbau/Neubau von Teichen in den
Nebengewässern (Katzsohlbachteich, Elbingstalteich, Rodelbach, Uhlenbach), keine
zentralen Hochwasserrückhaltemaßnahmen in der Selke
Variante III:
dezentraler Hochwasserrückhalt durch Ausbau/Neubau von Teichen in den
Nebengewässern (Katzsohlbachteich, Elbingstalteich, Rodelbach, Uhlenbach),
Hochwasserrückhaltebecken in der Selke oberhalb Meisdorf mit Abgabe von 15 m3/s
an den Unterlauf
Variante IV:
dezentraler Hochwasserrückhalt durch Ausbau/Neubau von Teichen in den
Nebengewässern (Katzsohlbachteich, Elbingstalteich, Rodelbach, Uhlenbach),
Hochwasserrückhaltebecken in der Selke oberhalb Meisdorf mit Abgabe von 5 m3/s
an den Unterlauf
Untervarianten zur Wirkung von Fürsten- und Teufelsteich sowie zu den
Auswirkungen ausschließlich lokaler Maßnahmen hinsichtlich der Erhöhung der
Scheiteldurchflüsse infolge Eindeichung in den Ortslagen im Unterlauf wurden
zusätzlich betrachtet
Variante V:
Hochwasserrückhaltebecken Straßberg und dezentraler Rückhalt in den
vorhandenen Teichen ohne Nutzungsänderung, d.h. ausschließlich die für der
Hochwasserschutz vorgesehenen Speicherlamellen werden zum Ansatz gebracht.
Variante VI:
Hochwasserrückhaltebecken Strassberg, dezentraler Rückhalt in den
vorhandenen Teichen ohne Nutzungsänderung und maximaler Nutzung der für den
Hochwasserrückhalt effizienten Speicherräumen in Teufels- und Fürstenteich,
Kilians-, Franken- und Maliniusteich, Katzensohlbach und Güntersberger
Mühlenteich
Variante VII:
Hochwasserrückhaltebecken Strassberg, dezentraler Rückhalt in den
vorhandenen Teichen ohne Nutzungsänderung und maximaler Nutzung der für den
Hochwasserrückhalt effizienten Speicherräumen in Teufels- und Fürstenteich,
Kilians-, Franken- und Maliniusteich, Katzensohlbach und Güntersberger
Mühlenteich. Zusätzlich werden dezentrale Rückhaltemaßnahmen im Katzensohlbach
und Uhlenbach (HRB) vorgesehen.
Variante VIII:
Kombination aus Variante VII und Variante VIII
Erweiterung Stauraum Katzensohlbach (Abgabe an den Unterlauf 0,5 m3/s)
Bewirtschaftungsänderung Teufels- und Fürsten-, Kilians-, Frankenteich mit dem Ziel der maximalen Nutzung der für den Hochwasserrückhalt effizienten Speicherräume (Abgabe an den Unterlauf jeweils 0,001 m3/s)
Neubau Hochwasserrückhaltebecken Uhlenbach (Abgabe an den Unterlauf 0, 1 m3/s)
Neubau Hochwasserrückhaltebecken Staßberg (Abgabe an den Unterlauf 0, 1 m3/s)
Neubau Hochwasserrückhaltebecken Meisdorf (Abgabe an den Unterlauf 15 m3/s)
dezentraler Rückhalt in den nicht genannten Teichen entsprechend der aktuell ausgewiesenen Hochwasserrückhalteräume
Variante IX:
Nur Maßnahmen an bestehenden Teichen
Betreiben des Katzensohlbaches als grünes Rückhaltebecken
Bewirtschaftung Teufels-, Fürsten-, Kilians-, Frankenteich mit dem Ziel der Nutzung der für den Hochwasserrückhalt effizienten Speicherräume (Abgabe an den Unterlauf jeweils 0,001 m3/s)
Dezenter Rückhalt in den nicht genannten Teichen entsprechend der aktuell ausgewiesenen Hochwasserrückhalteräume
Unter Beachtung ökonomischer und ökologischer Aspekte muss nun eine Auswertung der Variantenrechnungen erfolgen, erste Entwürfe zum Hochwasseraktionsplan Selke liegen bereits vor.