Föderation der Natur- und Nationalparke Europas, Sektion-Deutschland e.V. (1997):

Studie über bestehende und potentielle
Nationalparke in Deutschland.

Angewandte Landschaftsökologie 10: 306-309,
( bearb. von Hans Bibelriether unter Mitarbeit von Ursula Diepolder und Birgit Wimmer )

Als Nationalpark bedingt geeignete Gebiete

Bode- Selke- Tal

Geschichte:
Im April 1992 veröffentlichte der Ornithologenverband Sachsen- Anhalt e.V. eine „Denkschrift zum Nationalpark Harz“, in der die Ausweisung einer Nationalpark- Exklave gefordert wurde, die die Waldgesellschaften der kollinen Stufe des Ostharzes einschließt ( LIEDEL 1992 ). Als Argument führte der Verband an, dass kolline und submontane Laubwälder im Harz einen sehr hohen Flächenanteil haben. Gerade für die Ostharz -typischen Eichenwälder seien aber im Nationalpark Hochharz und auch bei der Neuausweisung des Nationalparks Harz auf niedersächsischer Seite nicht vertreten. Der Ornithologenverband ist der Meinung, dass die Täler der Bode und der Selke entsprechend ihrer Naturausstattung an besten die Anforderungen erfüllen können, die das sachsen- anhaltinische Naturschutzgebiet an einen Nationalpark stellt. Da die genaue Abgrenzung des Nationalparkvorschlages noch erarbeitet wird, beziehen sich alle Zahlenangaben auf den sogenannten Nationalpark- Suchraum.

Lage:
Der Suchraum liegt am nördlichsten Harzrand und wird von den Ortschaften Thale, Gernrode, Ballenstedt, Meisdorf, Pansfelde, Harzgerode, Siptenfelde, Friedrichsbrunn, Allrode, Altenbrak und Wienrode begrenzt.
Die Wälder im Bode- und Selketal erstrecken sich in der kollinen und submontanen Stufe über Höhen zwischen ca. 200- 580 m ( GÜNTHER, Schriftl. Mitt. 1994 ).

Fläche:
Da bisher keine exakten Abgrenzungsvorschläge existieren, können zur Fläche des vorgeschlagenen Nationalparkgebietes keine genauen Angaben gemacht werden. Eine Nationalparkgröße von 11.000 ha scheint theoretisch möglich zu sein. Das Bodetal und das Selketal bilden die Kerngebiete des vorgeschlagenen Nationalparks.

Ökosystem:
Kolline und submontane, baumartenreiche Laubwälder mit einem hohen Anteil an Traubeneiche sowie die naturnahen Flusssysteme Bode und Selke sind die gekennzeichneten Ökosysteme des Gebietes. Im Bode- und Selketal kommen neben offenen Vegetationseinheiten wärmeliebende und bodensauere Eichen- und Eichenmischwälder
( Quericon pubesenti-petraeae Br.- Bl. 32 em. Rivas- Martinez 72*, Quericon robori-petraeae Br.- Bl.32 ) und Buchenwälder ( Luzulo-Fagetum Meusel 37 ) vor. Felsspalten- und Blockschuttgesellschaften, therophytenreiche Felsfluren ( z.B. Diantho-Festucetum pallentis Gauckler 1938 ), Felsgebüsche, Linden- Ahornwälder ( Tilio-Acerion Klika 55 ), Eichen- Hainbuchenwälder ( Galio-Carpinetum Oberd. 57 ) und Erlen- Eschenwälder bilden ein kleinflächig stark differenziertes Mosaik.

Der Anteil der Leitbaumarten Buche und Eiche liegt in dem vorgeschlagenen Nationalpark- Suchraum bei rund 56 %. Teile des Gebietes ( insbesondere der Hanganlagen ) befinden sich in einem von Menschen wenig oder nicht beeinflussten Zustand, z.T. finden sich totholzreiche Altbestände.

Bedeutung und Status:
Das mögliche Nationalparkgebiet ist eines der größten geschlossenen Laubwaldgebiete im Ostharz. Im Suchraum liegen die Naturschutzgebiete Bodetal, Spaltenmoor, Anhaltinischer Saalstein, Altenburg und Selketal mit insgesamt rund 4 000 ha. Das Bodetal gilt als international bedeutendes Naturschutzgebiet für die Erhaltung gefährdeter Arten ( AUTOREN-KOLLEKTIV 1983, HÖGEL 1992 ).
Aufgrund seiner Lebensraumtypen sollte das Selketal nach Ansicht von GEORGE et al. ( 1994 ) in die Vorschlagsliste für Schutzgebiete der Europäischen Union ( Natura 2000 ) aufgenommen werden. Beide Täler sind für die Vorkommen des Mauerseglers von europäischer Bedeutung, da die totholzreichen Hangwälder die derzeit größte bekannte Baumbrüter- Population Mitteleuropas beherbergen ( GÜNTHER et al. 1991 ). Zusammen mit dem Mauersegler kommen auf engstem Raum Mittelspecht, Bechsteinfledermaus und Kleinabendsegler vor. Die beiden Täler weisen eine reichhaltige Flora auf ( ANONYMUS 1987, HERDAM 1993 ), darunter sind natürliche Vorkommen von Kiefer und Eibe. Teile der Wälder werden aufgrund fehlender Bewirtschaftung über die letzten 4- 5 Jahrzehnte als besonders naturnah eingestuft. Über 90 % der vorgeschlagenen Nationalparkfläche ist bereits als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen. Der Schutz der Region Ostharz als Nationalpark ist in der Diskussion. Innerhalb des Nationalparksystems ist das Bode- Selketal von nationaler Bedeutung.

Zonierung:
Eine Zonierung wird zur Zeit vorbereitet.

Eigentum:
Bei etwa 65% der Fläche handelt es sich um Eigentum des Landes Sachsen-Anhalt, die restlichen 35% sollen in absehbarer Zeit von der Treuhand privatisiert werden. Grundsätzlich verkauft die Treuhand die Flächen, die vor dem 08.05.1945 in Privatbesitz waren ( GÜNTHER, Schriftl. Mitt. 1994 ).

Nutzungen:
Bode- und Selketal liegen in einer traditionellen Fremdenverkehrslandschaft von überregionaler Bedeutung. Der Tourismus konzentriert sich insbesondere auf das untere Bodetal. In das mittlere Bodetal und in das Selketal strömt Ausflugsverkehr. Im Selketal liegen als Ausflugsziele die häufig besuchte Burg Falkenstein sowie die Selketalbahn, im Bodetal führt ein Kabinenlift zur Roßtrappe sowie ein Sessellift zum Hexentanzplatz. Das vorgesehene Schutzgebiet bietet günstige Bedingungen für die Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit eines Nationalparks. Die Lenkung der Besucher ist relativ unkompliziert durch die Talverläufe gegeben.

Der Suchraum ist in weiten Teilen bebaut und nur von wenigen Verkehrswegen durchschnitten. Die Ortschaften Mägdesprung, Alexisbad, Friedrichsbrunn, Allrode, Altenbrak und Treseburg mit insgesamt etwa 1 470 Einwohnern liegen im Nationalpark- Suchraum. Die Bundesstrasse 185 zwischen Ballenstedt und Harzgerode und vier Landsstraßen zerschneiden das Gebiet.

Etwa ein Viertel der Fläche wird derzeit forstwirtschaftlich nicht genutzt, weitere 50% lassen sich nach Angaben der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft in einem überschaubaren Zeitraum aus der Nutzung nehmen. An den Hängen des Bode- und Selketals wurde die forstliche Bewirtschaftung jahrzehntelang unterlassen. Ein Teil der Reviere ist in die ehemalige Bewirtschaftungsgruppe I.1. eingruppiert, d.h. es handelt sich um Wälder an erosionsgefährdeten Hängen, die nicht oder nur schwer bewirtschaftet werden können. Der Anteil landwirtschaftlich genutzter Flächen innerhalb des Suchraums ist zu vernachlässigen ( ca. 0,6 % ).

Im Bodetal kommen Rothirsch, Reh und Wildschwein vor, eingeschleppt wurden Bisamratte, Mufflon und Waschbär. Die Wilddichten ( insbesondere die des Mufflons ) übersteigen des ökologisch verträgliche Maß erheblich. Vor allem die südexponierten Hänge des Selketals sind stark von Verbiss betroffen. Die Jagdausübung obliegt den Forstämtern ( GÜNTHER, Schriftl. Mitt. 1994 ).

Bei Wendefurt wurde im Jahr 1959 die Rappbode-Talsperre gebaut, die das Abflussverhalten der Bode steuert. Es wird diskutiert, ob diese Talsperre in die Fläche des geplanten Nationalparks einbezogen werden soll. Nach dem Hochwasser im Frühjahr 1994 wurden darüber hinaus Pläne zur Errichtung einer Talsperre im Selketal wieder aktuell. Zur Zeit findet in einem Steinbruch der Abbau von Grauwacke statt, weitere Steinbrüche sind beantragt.

Fazit:
Da für das Gebiet des Bode- Selke- Tales keine genaue Abgrenzung, keine exakte Flächenangabe und keine Zonierung vorliegt, scheidet eine umfassende Gesamtbewertung aus. Die restlichen Kriterien stellen sich wie folgt dar:
Der Anteil von 65% Landeseigentum ist ein befriedigender Ausgangspunkt, sollte sich aber entsprechend der in Kapitel 1.5 formulierten Forderungen in einem vertretbaren Zeitraum auf mindestens 90% erhöhen, wenn die Ausweisung als Nationalpark angestrebt wird. Ein zusammenhängendes Gebiet mit einer Fläche von 11 000 ha wird für einen Nationalpark des Mittelgebirges als ausreichend angesehen.

Das verschlagene Gebiet ist das größte, geschlossene Laubwaldgebiet des Ostharzes und es ist von nationaler Bedeutung. Unter dem Gesichtspunkt eines deutschlandweiten Nationalparksystems sind die Eichenwälder des Harzes jedoch zu kleinflächig, um als eigenständige Einheit behandelt zu werden. Sie liegen innerhalb des Landschaftselements der östlichen, „niedrigen“ Mittelgebirge, in dem Buchenwälder dominieren.

Der Suchraum ist durch die meisten Nutzungen im Moment gering belastet, könnte jedoch in Zukunft durch die Bewilligung weiterer Steinbrüche bzw. durch die Errichtung einer Talsperre im Selketal gefährdet werden. Der Tourismus ist schon seit längerem von Bedeutung und wird auch weiterhin eine große Rolle spielen. Positiv ist zu sehen, dass militärische und landwirtschaftliche Nutzungsformen untergeordnet sind bzw. fehlen und die Forstwirtschaft sich aus Teilbereichen ( ca. 25% der Fläche ) zurückgezogen hat.

Empfehlung:
Da zum Bode-Selke-Tal keine Abgrenzungs- und Zonierungsvorschläge vorhanden sind, kann das Gebiet nur mit Einschränkungen und insgesamt nur als bedingt geeignet für einen Nationalpark empfohlen werden. Wenn dieser geschaffen werden sollte, ist die Zonierung an den Richtlinien der IUCN von 1994 zu vollziehen und eine zusammenhängende Strenge Naturzone mit einem zu entwickelnden Flächenanteil von mindestens 75% ( nach einem Übergangszeitraum ) vorzusehen. Eine Grundvoraussetzung für einen Nationalpark ist eine Übertragung der Treuhandflächen auf das Land Sachsen-Anhalt. Damit könnte der notwendige Anteil an Landeseigentum erreicht werden. Die Tatsache, dass das Bode-Selke-Tal als Naherholungsgebiet genutzt wird, erfordert Konzepte zur Besucherlenkung und Besucherinformation. Zur natürlichen Entwicklung der Wälder müssten die überhöhten Wildtierbestände auf ein verträgliches Maß reduziert und die forstwirtschaftliche Nutzung müsste, ebenso wie jede andere wirtschaftliche Nutzung, vollständig beendet werden. Eine Exklavenlösung in Verbindung mit dem Nationalpark im Harz wird aufgrund der Erfahrungen an der Müritz bzw. in der Sächsischen Schweiz als wenig sinnvoll erachtet. Wegen der großen Entfernung zum Hochharz wäre eine eigenständige Verwaltung mit eindeutig geklärten Zuständigkeiten vonnöten.

Die Möglichkeiten der Einrichtung einer anderen Kategorie eines Großschutzgebietes, insbesondere die Unterschutzstellung als Biosphärenreservat, wegen des Anteils forstlicher Nutzungsformen im Selkegebiet, werden im Land Sachsen- Anhalt diskutiert.